Privatleben und Erwerbstätigkeit in Industrie 4.0

Was wird aus unserem Privatleben, wenn Industrie 4.0 im vollen Umfang greift? Diese Frage bewegt viele Menschen. Gibt es ein Privatleben 4.0?

Lesezeit ca. 5 Minuten

Wenn wir über Industrie 4.0 reden, dann reden wir auch über NewWork. Es geht um die neue Form der Arbeit – Zukunft der Arbeit. Das eine ist mit dem anderen untrennbar verbunden.

Was fehlt im NewWork?

NewWork ist eine unbedingte Folge von Industrie 4.0. In der gesamten Diskussion konzentriert sich alles auf den Erwerbsprozess. Gleichzeitig fühlen wir, dass dieses Denken mangelhaft ist – aber wir können nicht exakt auf den Fehler hinweisen. Eigentlich wollen wir das auch nicht. Wir fühlen uns viel zu wohl mit der Konzentration auf den Erwerbsprozess. Und wir stellen das Gegenteil nicht so gerne in die öffentliche Diskussion.

Um was geht es? Um das Privatleben.

Das Privatleben sehr privat. Wir wollen es nicht zum Gegenstand der öffentliche Diskussion machen, weil dann jeder auf unseren ureigenen Bereich schauen kann. Privat ist privat, komme was da wolle. Und außerdem sind wir sicher, das wir unser Privatleben auf jeden Fall selbst regeln zu können. Aber hat diese Überzeugung noch weiterhin Bestand? Oder ist es ein Denken aus der Vergangenheit?

NewWork erfordert eine Umstrukturierung im Privatleben

NewWork stellt die Erwerbstätigkeit in den Vordergrund. Dies ist angesichts der Entfesselung von Arbeitszeit und Arbeitsort nicht falsch. Dabei folgt der Entfesselungsprozess den Anforderungen der Industrie 4.0, die die Flexibilisierung der Prozesse im Fokus hat. Und es geht um die Automatisierung von Prozessen.

Automatisierung schafft Freiräume. Somit werden gebundene Kapazitäten so lange freigestellt, solange die Automatisierung autark arbeiten kann. Erst dann, wenn eine Ausnahmesituation auftritt, endet der automatisierte Prozess und es werden andere Prozesse notwendig. Industrie 4.0 bedeutet also auch, dass ein Übergang von automatischen zu mitarbeitergestützten Prozess definiert wird. Dies bedeutet auch, dass NewWork einen anderen Startpunkt hat, als „OldWork“.

Gleichzeitig wird der Begriff Mitarbeiter flexibilisiert. Mitarbeit kann fest, frei, sporadisch oder bedarfsgebunden stattfinden. Industrie 4.0 sieht all diese Mitarbeitsmodelle als Mitarbeiter. Nur so funktioniert das Zukunftsmodell der Arbeit. An dieser Stelle sollten wir eine treffendere Bezeichnung für Arbeit verwenden – nennen wir das Ganze Erwerbstätigkeit.

Die Flexibilisierung der Erwerbstätigkeit kann angenehm sein, oder belastend. Auf jeden Fall sind Strukturen notwendig, die das Flexible auffangen und angenehm machen. Dieser Gegenpart ist das Privatleben. Dem Erwerb steht immer das Private gegenüber. Kein Gesellschaftsmodell hat bisher daran etwas ändern können – deshalb können wir das auch für die Zukunft als eine gültige Gesellschaftsstruktur annehmen. Aber es werden Änderungen notwendig.

Der Gestaltungsprozess für Industrie 4.0 und NewWork ist bereits im vollen Gang. Dabei wird jedoch kein Platz für die Weiterentwicklung im Sektor Privatleben gelassen. Privatleben 4.0 findet nicht statt! Dies kann sich schnell zu einem folgenschweren Konzeptfehler entwickeln.

Erwerbstätigkeit im gravierendem Wandel

Der Begriff Arbeitswelt ist in unserem Denken singulär besetzt. Arbeit bedeutet Erwerbstätigkeit und gleichzeitig Broterwerb. Einzahl. Unser Anspruchsdenken geht davon aus, dass wir von einer Erwerbstätigkeit den gesamten Lebensunterhalt bestreiten. Bereits heute ist dieses Denken nicht mehr zeitgemäß.

Mittlerweile ist es zur Regel geworden, dass immer mehr Menschen ein zweite Erwerbstätigkeit annehmen. Zum einen, weil die normale Erwerbstätigkeit die Lebenshaltungskosten nicht deckt. Zum anderen erfordert bereits heute nicht jede Tätigkeit einen vollen Einsatz über den gesamten Tag. Halbierte Arbeitszeit entwickelt sich zu einem gängigen Modell. Dabei dürfen wir nicht davon ausgehen, dass die halbe Arbeitszeit nur für eine halbe Stelle gilt. Ganz besonders dann nicht, wenn wir uns mit der Zukunft und NewWork befassen. Da wird es deutlich mehr volle Stellen geben, die einen (im Vergleich zu heute) stark verringerten Stundeneinsatz benötigen. Das 8-Stunden-Modell hat in der Erwerbstätigkeit ausgedient – darauf weisen alle Entwicklungen der Industrie 4.0 hin.

Automatisierung wird zum Flexibilisierer

Industrie 4.0 setzt auf weitgehende Automatisierung von Prozessen. Im Grunde müssen Unternehmen nur ihr Prozessbeschreibungen der ISO9000 aufschlagen und haben dort alles, was in Zukunft automatisch abläuft. Alle Prozesse, die ohne Ausnahmezustände ablaufen können, sind Automatisierungspotential. Auch alle anderen sind Automatisierungskandidaten, so lange die automatische Ausnahmenbehandlung mit wirtschaftlichem Aufwand bewerkstelligt werden kann. Alles was darüber hinaus reicht, ist Spezialistentätigkeit.

Spezialistenaufgaben sind Mitarbeiteraufgaben. Auf diese Formel kann die Ausnahmenbeschreibung im Pflichtenheft der Industrie 4.0 reduziert werden. Je regelmäßiger eine Ausnahme auftritt, um so regelmäßiger wird der Einsatz von Mitarbeitern. Mit fortschreitendem Automatisierungsgrad wird sich die Regelmäßigkeit von Mitarbeitereinsätzen reduzieren. Und die Mitarbeitereinsätze werden immer spezieller. Daher werden Mitarbeiter mit großer Wahrscheinlichkeit zu system- und organisationsgebundenen Spezialisten, bei denen eine feste Bindung an das Unternehmen sehr wichtig ist. Hier treffen sich die Interessen von Unternehmer und Mitarbeiter im ureigenen Interesse.

Normaler Erwerb und alternativer Erwerb

In einer neugestalteten Arbeitswelt wird es gängige Praxis sein, dass neben dem normalen Erwerb, ein alternativer Erwerb aufgenommen wird. Allerdings folgen die zukünftigen Arbeitszeitmodelle nicht mehr den heute gültigen.

Die normale Erwerbstätigkeit wird weniger Stunden in Anspruch nehmen und auch die Regelmäßigkeit wird nicht dem heutigen Modell entsprechen. Selbstverständlich kommt es in diesem Zug zu Lohnanpassungen. Der verringerte Verdienst zwingt zu einer alternativen Erwerbstätigkeit. Anders als heute, werden sich jedoch die meisten Menschen einer Einkommensquelle zuwenden, die ihren persönlichen Wünschen nahe stehen. Wie und was sich dort entwickeln, lässt sich nicht in einem Satz sagen. Aber es ist möglich, Szenerien und Denkmodelle zu entwerfen.

Fortsetzung folgt

In Kürze wird dieser Blog-Bericht fortgeführt. Dabei liegt das Augenmerk auf dem Privatleben. Gibt es in Zukunft ein Privatleben 4.0?

Written by

Geboren 1959, Führungkraft seit 1984, Unternehmer seit 2000. Erfolgsverwöhnt und immer in der ersten Reihe, bis ihn 2015 ein Schlaganfall zum Anhalten und Rückbesinnen zwang. Stress, Burnout, keine Balance im Leben. Nach dem Schlaganfall hatte sich sein Leben verändert. Anfängliches Interesse und Ursachenforschung ging in Weiterbildung über. Erkenntnis: Work-Life-Balance richtig angewendet ist nicht nur eine Worthülse.

LEAVE A COMMENT