Erwerbstätigkeit und Privatleben im NewWork

Erwerbstätigkeit verändert sich, das Privatleben auch. Auslöser ist Industrie 4.0, die Folge ist NewWork. Das eine geht ohne das andere nicht. Die Entwicklung ist nicht aufzuhalten. Aber in welche Richtung geht diese Entwicklung? Und gibt es das eine oder andere Beispiel dafür?

Als Fazit aus dem ersten Teils dieser Serie [Link] steht fest, dass sich das Einkommen aus der regulären Erwerbstätigkeit reduziert. NewWork bedeutet demnach, dass Alternativen geschaffen werden müssen.

| Lesezeit ca. 8 Minuten |

Wie bereits dargestellt, vermischen sich in der aktuellen Vier-Null-Diskussion diverse Begriffe aus unterschiedlichen Lebensbereichen. Vereinfachend kann man sagen, dass

  • NewWork die Oberfläche der neugestalteten Arbeit ist,
  • Industrie 4.0 als Treiber fungiert,
  • Digitalisierung den Oberbegriff für Automatisierung und Vernetzung darstellt.

Diesen neu geschaffenen Raum auszufüllen, ist Aufgabe eines jeden Beteiligten. Besonders hinsichtlich Erwerbstätigkeit und Privatleben sind große Gestaltungsräume zu füllen. Und gerade an diesen Stellen wird es zu erheblichen Änderungen kommen, die nur rudimentär mit den heutigen Umständen zu vergleichen sind. Trotz aller Verwerfungen wird es jedoch weiterhin so bleiben, dass es keine Erwerbstätigkeit ohne Privatleben gibt. Das deutet sich jetzt schon an. Und es wird kein Privatleben ohne Erwerbstätigkeit geben.

Über was reden wir?

Bisher reden wir von den „Bestandteilen“ des NewWork wie von einer Stückliste, aus sich eine perfekt konstruiert Sache zusammenfügen lässt. Aber ist diese Annahme überhaupt realistisch? Auf welche Erwartungen treffen wir? Nehmen wir drei Begriffe aus der Diskussion heraus.

Was bedeutet Erwerbstätigkeit im NewWork?

Amt, Amtspflicht, Anstellung, Arbeit, Beruf, Beschäftigung, Broterwerb, Dienst, Engagement, Erwerb, Job, Metier, Mission, Obliegenheit, Position, Posten, Profession, Stelle, Stellung.

Welche Bedeutungen stecken hinter dem Wort Privatleben?

Intimsphäre, Privatsphäre, Tabubezirk, intimer Bereich, persönlicher Lebensbereich.

Welche Deutungen sind für Herzensangelegenheiten möglich?

Herzensbedürfnis, Herzenssache, Herzenswunsch, innigster Wunsch, Sehnsucht, Wunschtraum, Priorität im Lebensplan.

Auch wenn wir die Bedeutungen der genannten Begriffe kennen, haben wir kein anschauliches Beispiel für deren Bedeutung im NewWork. Deshalb schauen wir jetzt eine Ebene tiefer.

Zwischen Erwerbstätigkeit und Privatleben

Das Gegenstück zur Erwerbstätigkeit ist das Privatleben. Unter Privat verstehen wir heute das Leben in der Familie, alles was wir mit Freunden teilen und das Ausleben unserer Hobbys. Wir können aber auch beobachten, dass die Interessen aus unserer Erwerbstätigkeit immer tiefer ins Privatleben eindringt. Dies hat zur Folge, dass wir uns zurückziehen und das Privatleben abschotten. Der Status privat wird zu einem immer intensiver geschützten Raum.

Als gegenläufige Entwicklung stellen wir fest, dass immer mehr Menschen einen erheblichen Teil ihrer Privatzeit mit Zugewinnbeschäftigungen aufwenden. Dies geschieht nicht nur im Rahmen einer zusätzlichen Erwerbstätigkeit, sondern auch im Rahmen des ganz normalen Lebens. Das geht zum Bespiel so weit, dass Reisen nicht mehr alleine dem Urlaubsvergnügen dienen, sondern zum Sammeln von verwertbaren Eindrücke, Kenntnisse und Erfahrungen genutzt werden. Im Grunde ist das ein logischer Prozess, weil Reisende Neues kennen lernen.

Im „neuen Reisen“ geht es nicht um das zufällige Erleben, sondern den gezielten Zugewinn. Reisen werden genutzt, um neue Sprachen zu erlernen, um sich neue Fähigkeiten anzueignen, Gewinnung von neuen Eindrücke, Aufbau von Verständnis für fremde Kulturen und Abschätzung von Potentialen und Möglichkeiten. Aus dem altgedienten Urlaubsmodus wurde eine erwerbsdienliche Erweiterung und Bereicherung. Das war nur ein Beispiel und die Entwicklung hat nahezu unmerklich eingesetzt und gilt heute schon als Normalverhalten.

Ein Kennzeichen der neuen Lebenskultur ist, dass möglichst alle Beschäftigungen sowohl das Privatleben, wie auch die Erwerbstätigkeit bereichern sollen. Das verändert viele Lebensbereiche und auch unser Kommunikationsverhalten. Wir verfügen sogar schon Begrifflichkeiten dafür. Diese sind zum Beispiel

  • Community,
  • Follower,
  • Mitforenten,
  • Net-Freunde,
  • Buddies,
  • und viele andere Umschreibungen von Freunden und Bekannten.

Und wenn man Hilfe braucht, wird Follower-Power ausgerufen. Wir haben uns an diese Annehmlichkeiten gewöhnt. Schwierig wird es erst dann, wenn Kontakte nur noch nach Nützlichkeit aufbaut werden. Dieser Gedanke kann jedoch im Rahmen der neudefinierten Erwerbstätigkeit leicht zur Realität werden.

Ist unser Privatleben dabei, seine Unschuld zu verlieren?

Ein weiterer Aspekt kommt hinzu. Soziale und ökologische Probleme zwingen uns, klare Positionen zu beziehen. Daher werden wir tätig und schaffen Alternativen. Individualität steht dabei an erster Stelle. Es entstehen Lebensmodelle, die weit entfernt von denen anderer Menschen sind. Alle folgen einem grundlegenden Trend, aber es gibt keine Megatrends mehr. Alles setzt sich aus einer Vielzahl von Microtrends zusammen. Diese haben viele Vorteil. Sie lassen sich flexibel an individuelle Bedürfnisse und Lebensumstände anpassen. Und sie überwinden durch diese Anpassbarkeit die Grenzen zwischen Privatleben und Erwerbstätigkeit. Dies wirkt sich besonders günstig auf die Rahmenbedingungen der alternativen Erwerbstätigkeit aus.

Beispiele dafür sind fast alle Bereiche der Eigenversorgung. Der Schrebergarten für Obst und Gemüse, der Gemüse- und Kräuteranbau auf dem Balkon, das Brotbacken, das sammeln von Kräutern, Seife sieden, Nähen und vieles mehr. Es entstehen Güter zum eigenen Konsum. Eigentlich hört sich das an, als würde die Selbstversorgung wieder attraktiv. Mag sein, aber in der Zukunftsforschung wird diese Entwicklung schon lange als „schlauer Konsum“ bezeichnet. Ein guter und treffender Begriff ist alternativer Konsum.

In dem auf moderne Selbstversorgung ausgerichteten Bereich wird die Lebensqualität heraufgesetzt und die Individualität gestärkt. Dafür wir Zeit eingesetzt – Privatzeit. Und weil die „alternative Produktion“ läuft, ergibt sich an der einen oder anderen Stelle die Möglichkeit zur alternativen Erwerbstätigkeit – quasi die Verwendung der aus dem Privatleben entstandenen „Überproduktion“.

Wird das Hobby zur alternativen Erwerbstätigkeit?

In unserem Privatleben spielen Hobbys seit jeher eine wichtige Rolle. Dieser Beschäftigungsraum wächst seit Einführung der Industrialisierung kontinuierlich und sind für die meisten Menschen unverzichtbar. Nahm zu Zeiten der ersten industriellen Welle die Familie fast 100% des Privatlebens ein, so hat sich dieser Anteil um weit mehr als die Hälfte reduziert. Gleichzeitig hat sich das Kontingent an verfügbarer Privatzeit vervielfacht. Dieser Freiraum wird für die Pflege von Hobbys verwendet. Und für ehrenamtliche und soziale Tätigkeiten. Hervorragende Beispiele sind die freiwillige Feuerwehr, das THW, politisches Engagement, Arbeit in kirchlichen Organisationen, freiwillige Pflege, Betreuung und viele andere sozialgeprägte Engagements. Und wir dürfen die Beschäftigungen zur Brauchtumspflege, in der Kunst und Bildung nicht vergessen. All das können wir unter dem Begriff der Herzensangelegenheiten zusammenfassen.

Besonderer Status der Herzensangelegenheiten

Herzensangelegenheiten sind im höchsten Maß mit sozialem und/oder gesellschaftlichem Engagement verbunden. Alle gesellschaftlichen Schichten und alle Altersgruppen nehmen daran teil. Das ist die wichtigste Erkenntnis, wenn wir sie aus Sicht einer möglichen alternativen Erwerbstätigkeit betrachten.

Es ist vollkommen legitim, wenn sich der Einzelne in einer neu gestalteten Erwerbslandschaft die Frage stellt, ob er mit einer Herzensangelegenheit seinen Erwerb erweitern kann. Und es ist grundsätzlich eine interessante Frage, ob man aus einer Herzensangelegenheit Kenntnisse und Fähigkeiten ziehen kann, die sowohl für die reguläre, wie auch für die alternative Erwerbstätigkeit nützlich sind. Keine neue Fragen! Aber sie wird in Zukunft erheblich an Wichtigkeit gewinnen. Und es wird Tätigkeiten geben, die zwar die Prägung einer Herzensangelegenheit tragen, aber den Hobby-Status verloren haben.

Ein gutes Beispiel ist die Fotografie. Schon heute gibt es viele Menschen, die ihr Hobby zum Nebenerwerb gemacht haben. Geprägt wird diese Szene durch folgende Merkmale:

  • Der Bedarf an Fotografie ist vorhanden,
  • es gibt erwerbsmäßige Fotografen,
  • es gibt Hobby-Fotografen,
  • Ergebnis aller fotografischen Tätigkeiten ist ein Bild.

Die Regeln für eine Entlohnung sind einfach: Das Bild muss dem gefallen, der die Entlohnung entrichtet. Somit ist es nur ein kleiner Schritt vom Hobby zur Erwerbstätigkeit.

Ähnliches gilt in Brotback-, Näh- und Koch-Kreisen. Zum Beispiel ist es leicht möglich, dass eine Person Brot backt und das, was über den privaten Konsum hinaus geht, an andere Menschen verkauft. Zum Teil wird dies wohl nicht mit Geld vergütet, sondern es kommen andere Leistungen zurück. Auch das ist keine neue Erscheinung, aber was heute noch eine Ausnahme ist, wir in Zukunft wahrscheinlich die Regel. Der Bedarf entsteht durch die Verfügbarkeit einer Leistung auf der einen Seite und die Nichtverfügbarkeit auf der anderen Seite. Zeit, Fähigkeit und Inspiration sind weitere Trigger. Es entsteht eine alternative Erwerbstätigkeit, die dem Betreiber Spaß macht und ihm zusätzlichen Erwerb einbringt. Eine weitere Antriebsfeder kann hierbei sein, dass besondere Anforderungen erfüllt werden. Als Beispiel können vegan, paleo und biologisch einwandfrei angeführt werden. Treibende Merkmale des alternativen Erwerbs tragen die Waren, die durch die Massenfertigung nicht oder schlecht abgedeckt werden.

Nähen kann Bedarfe abdecken, die durch Massenfertigung nicht befriedigt werden und Nachbarschaftskochen ist preislich lukrativ, bringt Zeitersparnis, fördert Qualität und Gesundheitsaspekten und kann einen enormen Zugewinn bezüglich Lebensqualität bringen. Altenpflege und Kinderbetreuung sind weitere Bereiche, in denen sich ein Engagement als alternative Erwerbstätigkeit darstellen lässt. Das waren nur wenige Beispiele aus einem fast unerschöpflichen Reservat.

Fortsetzung folgt

Die Serie zur den inneren Werten und Veränderungspotenzialen von NewWork wird fortgesetzt.

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Geboren 1959, Führungkraft seit 1984, Unternehmer seit 2000. Erfolgsverwöhnt und immer in der ersten Reihe, bis ihn 2015 ein Schlaganfall zum Anhalten und Rückbesinnen zwang. Stress, Burnout, keine Balance im Leben. Nach dem Schlaganfall hatte sich sein Leben verändert. Anfängliches Interesse und Ursachenforschung ging in Weiterbildung über. Erkenntnis: Work-Life-Balance richtig angewendet ist nicht nur eine Worthülse.

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